Vita Ricciardi-von Platen

Vita
Dr. med. Alice Ricciardi von Platen †

Alice Ricciardi-von Platen (1910-2008), geb. Gräfin von Platen-Hallermund, wurde 1910 in Weissenhaus (Holstein) geboren und studierte ab 1929 Medizin in Heidelberg, München, Freiburg, Kiel und Königsberg, Abschluss 1934. 

1935 begann sie ihre Tätigkeit an der Potsdamer Landesheilanstalt, deren Leiter der später an „Euthanasie“-Maßnahmen maßgeblich beteiligte Kinder- und Jugendpsychiater Hans Heinze (1895-1983) war, sie kündigte jedoch aus Protest gegen die Behandlung der PatientInnen.

Bis 1939 lebte sie in Florenz, dann in Rom (bis 1940). Von 1942 bis 1945 war sie als Landärztin zuerst in Bayern, dann in Pettenbach in Oberösterreich tätig. In ihrer Tätigkeit erfuhr sie von den systematischen Patiententötungen in Hartheim und Transporten ins Konzentrationslager Mauthausen.


Nach Kriegsende wurde Alice von Platen-Hallermund Assistentin an der Psychosomatischen Klinik an der Universität Heidelberg bei Viktor von Weizsäcker. Auf dessen Vermittlung hin wurde sie von seinem wissenschaftlichen Assistenten Alexander Mitscherlich (1908-1982) in die Kommission berufen, die für die deutschen Ärztekammern von Dezember 1946 bis August 1947 den Nürnberger Ärzteprozess beobachtete. Der Ärzteprozess war der erste der so genannten Nachfolgeprozesse, die auf den Nürnberger Prozess gegen die „Hauptkriegsverbrecher des Dritten Reiches“ folgten.
In der Reihe 
Frankfurter Hefte erschien 1948 von Platen-Hallermunds Buch Die Tötung Geisteskranker in Deutschland. 


Ab Oktober 1947 war sie in der Nervenklinik St. Getreu in Bamberg Assistenzärztin bei dem Psychiater und Klinikdirektor Georg Zillich (1911-1950), der gegenüber der Psychoanalyse sehr aufgeschlossen war. In der Folge ging sie für mehrere Jahre nach London zur psychoanalytischen Ausbildung, praktizierte in einer psychotherapeutischen Eheberatungsstelle bei Michael Balint, schloss ihre psychoanalytische und ihre gruppenanalytische Ausbildung ab und wurde Mitglied der Group Analytic Society. Ab 1967 lebte und praktizierte sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2008 als Psychoanalytikerin in Rom und in Cortona (Toskana). 1975 war Ricciardi-von Platen die erste Gruppenanalytikerin Italiens.

1976 gründete sie mit Michael Hayne und Josef Shaked die Internationale Arbeitsgemeinschaft für Gruppenanalyse (IAG) in Altaussee (Österreich), es wurde ein zweimal jährlich stattfindender Selbsterfahrungs- und Fortbildungs - Workshop eingerichtet.

1982 war sie Mitgründerin des Centro Italiano Gruppo Analisi in Rom.

Als Zeichen der gesellschaftlichen Anerkennung erhielt sie 1997 das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland und 2000 die Ehrenbürgerschaft von Cortona.


Literatur:

Seidl, M. (2000): Alice Ricciardi-von Platen 90 Jahre. In: Jahrbuch für Gruppenanalyse 6, Seite 140-143.

Schlüter, R. (2012): Leben für eine humane Medizin – Alice Ricciardi-von Platen – Psychoanalytikerin und Protokollantin des Nürnberger Ärzteprozesses. Frankfurt: Campus.

Platen-Hallermund, A. von (1948/2006): Die Tötung Geisteskranker in Deutschland. 6. Aufl. Frankfurt: Mabuse.


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